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beweg!gründe in Sachsen

Mit Zelten, Schlafsäcken, Wanderschuhen und vielfältigen Ideen und Kritik zum Bildungssystem im Gepäck trifft sich ein buntgewürfelter Mix aus 15 Naturfreund*innen, Student*innen, Freiwilligen, Abiturient*innen etc. in Dresden in der Freien Alternativschule.
Wir wollen wandern dieses Wochenende. Aber nicht irgendwo, sondern im romantischen Elbsandsteingebirge. Und nicht einfach so, sondern um uns intensiv über Bildung auszutauschen.
Bildung ist ein „beweg!grund“, ein Grund also, sich in Bewegung zu setzen und in der Bewegung zu diskutieren und sich auszutauschen, aber auch gemeinsam schweigend die Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Denn wandernd in der Natur lässt sich viel besser reden als sitzend in einem quaderförmigen Seminarraum.
„beweg!gründe“ ist ein Projekt der Naturfreunde- und der BUNDjugend, um Orte und Pioniere des Wandels zu besuchen und auf dem Weg dorthin und von dort aus wandernd über ein bestimmtes Thema zu diskutieren. In Dresden nun also Bildung.
Inspiration holen wir uns in besagter freier Schule. Denn wo lässt sich besser sehen, was im staatlichen Bildungssystem hakt, als in einer super funktionierenden Alternative? Etwa 180 Schüler*innen lernen in dieser Schule von etwa 25… ja, was eigentlich? Sind sie Lehrer*innen? Begleiter*innen? Mentor*innen? Sie bewerten die Schüler nicht, lassen ihnen den Freiraum, in den altersgemischten Lerngruppen zu arbeiten oder draußen zu spielen, denn Kinder lernen immer und wollen von Natur aus lernen. Es gibt unterschiedliche Angebote, die sich nicht auf die üblichen Fächer wie Deutsch, Mathe und Englisch begrenzen, sondern auch gleichberechtigt etwa Kochen in der schuleigenen Küche, Schulgarten oder sogar Minecraften beinhalten. Bei letzterem wird das leicht legoähnliche Computerspiel Minecraft zusammen gespielt. Denn auch hierbei können die Kinder und Jugendlichen lernen, etwa in Kooperation große Häuser zu bauen oder Höhlen zu erkunden oder was auch immer gerade ihnen in dem fast grenzenlosen Spiel einfällt. So werde der Umgang mit Medien nicht von den Schulen ferngehalten und tabuisiert, wie uns ein Lehrer, der eigentlich Biologe ist, erklärt, sondern in den Schulalltag mit eingebaut.
Konkurrenzdenken, wie es in staatlichen Schulen durch Notenvergabe und ähnliches antrainiert wird, vermeidet diese Schule möglichst, denn jeder einzelne ist wertvoll, niemand ist besser als ein anderer, nur weil er oder sie von einem Fachgebiet mehr versteht- das ist hier sehr wichtig.
Noch mehrere Seiten könnten nun über das Konzept der Schule folgen, was aber leider den Rahmen eines Berichtes sprengt, schließlich ist die Schule erst der Anfang und die Inspiration für das kommende Wochenende.
Nachdem wir eine leckere Suppe mit allerhand veganen Fleischersatzprodukten genossen haben, sehen wir uns mit anderen eingeladenen Personen in der Schule den Film „alphabet“ von Erwin Wagenhofer an. Der Film spiegelt unter anderem unser jetziges Bildungssystem sowohl in Deutschland als auch in noch extremerer Ausführung in China, wo die Schüler*innen vielfach lediglich zu Prüfungsmaschinen ausgebildet werden, ohne Freizeit, ohne Hobbys und mit der ständigen Angst, den Ansprüchen nicht zu genügen. Desweiteren kommen auch ein Hirnforscher, ein Gitarrenbauer, der von seinen Eltern nicht in die Schule geschickt wurde, dessen Eltern sowie etliche andere Menschen, die etwas zum Thema Bildung sagen können und wollen, zu Wort. Ein sehr vielschichtiger Film also, der somit viele Anregungen für Diskussionen liefern kann.
Nach dem Film und anschließender Diskussion in kleineren Grüppchen wird noch Organisatorisches für den nächsten Tag besprochen, anschließend gehen die ersten verstreut im ganzen Schulgebäude schlafen, schließlich steht am nächsten Tag eine schon nicht anspruchslose Wanderung in der sächsischen Schweiz an.
So steigen wir auch am nächsten Morgen nachdem wir ausgiebig gefrühstückt, Proviant geschmiert und Sachen zusammengepackt haben in Bus, dann Bahn, dann Fähre, um schließlich von Schmilka aus direkt ins Herz des Nationalparks zu wandern. Dabei fragen wir uns auf den ersten Wegkilometern erst einmal intensiv gegenseitig aus, welche Erfahrungen wir persönlich mit Bildung gemacht haben, denn das ist schließlich ein Thema, das wirklich jeden betrifft. Eher nebenbei bewundern wir die Landschaft, bestaunen ein Feuersalamander, der vor dem Regen Schutz sucht, streichen uns immer wieder nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht und genießen die Aussicht auf das Weiß des uns umgebenden Wolkenschleiers.

Pause in der Grrotte
Nach der Mittagspause in einer großen Grotte, die uns vor dem nassen Wetter schützt, steigen wir abermals verschiedenste Wege auf und ab, quatschen schwerpunktmäßig über Lehrer*innen, bevor wir schließlich an der Kirnitzsch, einem kleinen Flüsschen, das dort behaglich durch sein Tal fließt, landen. Hier lädt Friedrich von der Naturfreundejugend Deutschlands uns ein, passend zum Landschaftsbild mit der Frage „Wann ist unser lernen richtig im Fluss?“ schweigend etwa eine Viertelstunde jeder für sich bis zu nächsten Kreuzung zu flanieren. Das ist für jeden einzelnen von uns eine sehr spannende Erfahrung.
Kurze Zeit später finden wir uns bereits auf dem Zeltplatz wieder, die einen versuchen ein kleines Feuer zum Laufen zu bringen, andere bauen schnellstmöglich die Zelte und ein Tarp, eine einfaches offenes Zelt bestehend aus einer großen, schräg abgespannten Plane, auf, um etwas Schutz vor der Nässe und Kälte zu haben, wieder andere sitzen in der kleinen Campingplatzküche und bereiten unser Abendbrot vor.
Nachdem Bulgursalat und sämtliches grillbares Gemüse genossen ist lassen wir den Tag noch allmählich im flackernden Licht der brennenden Holzscheite ausklingen, bevor die ersten sich schlafen legen.
Auch am Sonntag wird wieder gewandert. Mit all den restlichen Lebensmitteln im Bauch oder Gepäck brechen wir an diesem Morgen recht spät auf, um dem Regen zu trotzen, und tatsächlich können wir im Laufe des Tages ein paar Mal einen Blick auf den einen oder anderen scharfgeschnittenen Schatten werfen, ein klares Zeichen dafür, dass die Sonne sich wieder etwas durch die Wolkendecke traut. An diesem Vormittag offenbart sich uns nach weiteren intensiven Gesprächen und Diskussionen in einer zweiten Stillephase auch tatsächlich ein atemberaubender Ausblick an einem Felsvorsprung, die Wolken haben sich fast verzogen, die Gedanken fliegen frei. Bewegen sich mit Visionen durch die klare Bergluft. Schweben um, in und durch uns, um uns die Zuversicht zu schenken, dass Alternativen zu unserem festgefahrenen Schulsystem möglich sind, in unseren Köpfen an diesem Wochenende etwas an Form angenommen haben, vielleicht noch nicht immer greifbar, aber doch zweifellos anwesend.

Elbsandsteinromantik
Diese Gedanken nehmen wir alle für uns wieder mit nach Hause, als wir kurze Zeit später feedbackgebend ein letztes Mal im Kreis stehen, dann einen leeren Bus und abschließend einen nicht mehr ganz so leeren Zug füllen, um uns wieder über ganz Deutschland zu verstreuen und unsere Erfahrungen zu teilen und weiterzuverbreiten. Mit im Gepäck: Zelte, Schlafsäcke, Wanderschuhe, neue Beweggründe und Visionen.

weiterführende Links: 

beweg!gründe
Freie Alternativschule Dresden