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Impressionen und Inspiration aus Berlin

Unser FÖJ’ler Tilmann hat an der Jugendkonferenz des „Jugendbündnis Zukunftsenergie“ zum Thema „Energiewende- sauber durchdacht“ teilgenommen und berichtet:

Donnerstag, 31.10.2013: Pünktlich 13.04 fährt mein Euro-City nach Berlin vom Dresdner Hauptbahnhof. Zwei Stunden später steh ich etwas verloren am Berliner Hauptbahnhof, die eine Stunde, bis mein Anschlusszug fährt, kann ich noch im Regierungsviertel verbringen, wenn man schon mal in Berlin ist. Sofort werde ich von drei angeblich taubstummen Menschen angesprochen, um auf blauen Klemmbrettern für eine Kinderhilfsorganisation zu unterschreiben. Ich stammle eine Ausrede, verzieh mich ungeschickt und denke mir so: Ja, das ist Berlin.
Über eine Stunde und eine lange, enge S-Bahnfahrt später steh ich erneut etwas hilflos an einer Straßenbahnhaltestelle, von der ich zuerst zum Seeblick und anschließend zur Teikyo-Universität, wo die Konferenz stattfinden soll, gelangen muss. Nur weiß ich leider nicht, von welcher Seite meine Bahn fahren soll. Hilfe bekomm ich zufällig von Alisa aus Hannover, die auf der Konferenz für die Bilder zuständig ist, sowie Fenja und Marc aus Frankfurt und Heidelberg, die ebenfalls zur Konferenz wollen. Gemeinsam finden wir die richtige Bahn und treffen dann beim Umstieg in den winzigen Bus auf Karsten, der ebenfalls das gleiche Ziel hat. Das ist ein bisschen wie bei den Geschichten und Liedern, bei denen ganz viele gemeinsam starten, dann immer weniger werden und zum Schluss einer allein dasteht. Nur andersherum glücklicherweise.
Im „Hotel“ treff ich, nachdem wir alle Unterlagen, ein Konferenzarmbändchen sowie unsere Namensschildchen erhalten haben, auf meine Zimmergenossen, zwei Studenten, Sebastian aus Bayreuth und Cornelius aus Berlin. Die Frage, wer in den Doppelstockbetten ohne Leiter oben schläft und riskiert, abends nicht ins Bett zu kommen oder bei einer kleinen Drehung herauszufallen, und wer den Platz unten bekommt, aber dafür in Kauf nehmen muss, sich nicht ohne Gefahr einer Beule aufrichten zu können, klären wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch die japanische Dusche, in der die Toilette quasi direkt in der Dusche steht, registrier ich erst später.
Denn schließlich gibt schon bald das rein vegetarische und vegane Abendessen und anschließend eine große Eröffnungsveranstaltung mit den über 60 Teilnehmer*innen der Konferenz, bei dem wir uns ein wenig kennenlernen können und schon einmal mittels Tablequizz einen ersten Eindruck in die Materie Erneuerbare Energien (EE) erhalten. Auch die Wahl der Workshops für die nächsten beiden Tage wird nun schon getroffen, meine fällt auf das Filmprojekt „Die falsche Debatte“.

Am Freitag geht es nach Frühstück und großer Eröffnungsrunde auf der Wiese am See, an dem das Jugendgästehaus liegt, in die bereits erwähnten Workshops. Außer dem Filmprojekt werden noch neben einem Presseworkshop, der die Konferenz in Worte fasste, vier thematische Workshops mit folgenden Themen angeboten:
Erneuerbare Energien und Naturverträglichkeit, in dem die Diskrepanz zwischen zum Beispiel der Installation von Windkraftanlagen und der Gefährdung der umliegenden Natur diskutiert wird;
Erneuerbare Energien und Sozialverträglichkeit, in dem unter anderem debattiert wird, ob und wie EE Strom verteuert und damit unter Umständen zu einem Luxusprodukt macht;
Energieautarkie, hier wird das Modell eines Dorfes erdacht und auch ganz anschaulich gebaut, das sich vollständig unabhängig, also autark, von der externen Stromversorgung versorgt;
außerdem Jugendbeteiligung in politischen Prozessen, wie der Name eigentlich schon aussagt, werden hier Modelle ausgearbeitet, in denen sich die Jugend aktiv an politischen Entscheidungsprozessen beteiligen kann.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie schwer da die Wahl fällt, doch ich beteilige mich wie bereits erwähnt am Filmprojekt. Eine Expertin aus dem Filmbereich erklärt uns 8 Teilnehmer*innen die Grundlagen eines Stop-Motion-Animationsfilmes, die Art Film, die wir realisieren wollen. Dabei werden viele Einzelbilder geschossen, die dann mit 12 Bildern pro Sekunde zu einem bewegten Bild zusammengefügt werden- extrem viel Arbeit wartet also auf uns! Aber bevor wir motiviert mit der praktischen Arbeit starten können, müssen wir erst einmal einen Konzept, ein Drehbuch gewissermaßen, erarbeiten, was schließlich den ganzen Vormittag in Anspruch nimmt. Wir entscheiden uns für einen Film, der sowohl die positiven Aspekte der Windkraft aus Sicht einer Person, als auch die negativen aus Sicht einer anderen Person darstellen sollen, also plakative schwarz-weiß- Malerei. Das Fazit des kurzen Filclips soll sein, dass die beiden in Kommunikation miteinander treten sollen, um die Energiewende auf breiter Basis mit Einbeziehung der kritischen Bedenken sowie der kreativen Gedanken umzusetzen.
Am Nachmittag können wir schließlich mit dem Dreh, also dem Fotoschießen anfangen, was anstrengender ist als gedacht, so dass ich am nächsten Morgen mit einem steifen Rücken das Bett verlasse.

Auch am Samstag arbeiten wir mit voller Konzentration noch den ganzen Vormittag an Sekunde für Sekunde Filmmaterial.
Am Ende und einen Tag später wird schließlich ein Resultat stehen, mit dem wir alle zufrieden sind, doch auch einig, dass wir mindestens die doppelte Zeit hätten haben wollen!
Aber bevor es soweit ist, haben wir Samstag die Möglichkeit, den Nachmittag mit verschiedenen Projekten wie Upcycling, wo aus Abfall Produkte hergestellt werden, einer alternativen Stadtführung abseits der touristischen Hauptrouten oder den Besuch eines Energieeffizienzhauses zu verbringen. Ich entscheide mich für letzteres und werde nicht enttäuscht: Mitten in Berlin steht da ein mit Solarzellen eingepackter Klotz, der als Einfamilienhaus fungiert. Von außen recht futuristisch anmutend, sind wir erstaunt, dass das Haus drinnen doch eigentlich ganz normal eingerichtet ist, man merkt dem Haus dann seine besondere Funktion, nämlich mehr Energie zu produzieren als zu verbrauchen und dabei noch jeweils zwei Elektrofahrzeuge aufzutanken, gar nicht mehr an- abgesehen von High-Tech-Ausstattung, zum Beispiel ein Tochpanel an der Wand, mit dem die gesamte Innenbeleuchtung, Heizung und noch viel mehr gesteuert werden kann.
Wir hören einen echt interessanten Vortrag über die Idee dahinter und ich stelle erleichtert fest, dass nicht nur solche in meinen Augen jetzt doch nicht so ästhetischen Quader als Energieeffizienzhaus taugen, sondern auch ganz klassische Bauformen mit Spitzdach so gebaut werden können- sogar Altbausanierungen stehen im Versuchsprogramm der Effizienzhausbauer! Das ganze ist nämlich eher so etwas wie eine Versuchsreihe bisher. In dem Haus, das wir besuchen, wohnte zum Beispiel vor kurzer Zeit zu Versuchszwecken für ein Jahr eine vierköpfige Familie. In so einem Haus wohnen und nebenbei noch ein paar Elektroautos testen… Das stell ich mir eigentlich auch ganz nett vor.
Am Abend gibt es dann noch eine große Abschlussparty, inklusive Live Band aus Hannover, wodurch die Stimmung natürlich echt gut ist! Anschließend wird noch nach Musik vom Band weitergetanzt, ich bekomme davon jedoch ehrlicherweise nicht mehr allzu viel mit, da die Müdigkeit mich an diesem Abend früher als die meisten aufs Zimmer bringt. Da treffe ich auf Sebastian, dem auch weniger nach Party zumute ist, wodurch wir uns noch ziemlich lange über alles mögliche, angefangen bei den dreckigen Geheimnissen der Banken, unterhalten.

Am folgenden Morgen erwartet uns nach dem Frühstück die finale Abschlussrunde, bei der auch einige Expert*innen und Politiker*innen teilnehmen. Den Auftakt bildet die Premiere unseres kleinen Filmes „Immer diese Erneuerbaren- von Sturm, Windrädern und Diskussionen“, den auch wir kurz zuvor zum ersten Mal fertig geschnitten und mit Hintergrundgeräuschen bestückt sehen durften. Erleichtert stellen wir fest, dass das Publikum an den richtigen Stellen lacht und am Ende der knapp zwei Minuten die Arbeit mit Applaus würdigt.
Zwei Reden später teilt sich die Gruppe auf die vier thematischen Workshops auf (ich entscheide mich, bei der Gruppe des Bioenergiedorfes „Autarki“ mitzudiskutieren), denn hier findet nun ein einstündiger Dialog zu unseren Ergebnissen mit den Politiker*innen und Expert*innen statt. Eigentlich ist dieser Dialog ursprünglich eher als Diskussion geplant, wir hatten dazu am Freitagabend extra gelernt, wie man mit Politiker*innen reden muss, damit diese nicht nur unkonkrete Aussagen von sich geben, doch da die anwesenden Gäste von der Linken, der SPD sowie den Grünen sowieso schon positiv der Energiewende gegenüberstehen, gibt es eigentlich kaum konträren Meinungen. In meinen Augen etwas Schade, aber eigentlich nicht anders zu erwarten. Inspirierend ist das Gespräch allemal, ich lerne zum Beispiel, dass Autarkie nicht unter allen Umständen wünschenswert ist und wie unfair die Finanzierung der EE über die EEG-Umlage im Vergleich zur Subventionierung großer Kohle- und Atomkraftwerke ist.
Nach dem Gespräch, das leider auch viel zu schnell vorbei ist, lernen wir noch die Ergebnisse der anderen Workshops kennen. Dann gibt es auch schon das letzte vegetarische und vegane Mittagessen, nach dem sich alle Teilnehmer*innen allmählich auf den Heimweg machen. Auch ich begebe mich wieder in den Kampf mit dem Großstadtdschungel, steige wieder in den Euro-City nach Dresden und treffe witzigerweise im ersten Abteil mit noch freiem Sitzplatz, das ich finden kann, auf Justus, der den Filmworkshops mit leitete. Damit verkürzt sich die gefühlte Dauer der Zugfahrt natürlich signifikant und ich komme wohlbehalten gegen 18 Uhr am Sonntag wieder am Start meiner Reise an, mit dem schönen Gefühl, nach Hause zu kommen.

Aus Berlin nehme ich neben vielen neuen Bekanntschaften und Erfahrungen die Gewissheit mit, dass die Energiewende von konventionellen Großkraftwerken hin zu dezentralen Kleinkraftwerken, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden, und mit der Kraft der Bevölkerung, insbesondere der Jugend realisiert werden kann, gar nicht mehr so fern ist.